Staßfurter Licht- und Kraftwerke A.-G.

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Staßfurter Licht- und Kraftwerke A.-G.

Bis zum Jahre 1890 waren in der Umgebung von Staßfurt Elektrizitätswerke nicht vorhanden. Um diese Zeit hatte man in den Großstädten mit der Errichtung derselben begonnen und von diesen aus wurden die Einwohner und Gewerbetreibenden der Mittel- und Kleinstädte auf die Bedeutung und Annehmlichkeiten der Verwendung von Elektrizität aufmerksam. In der nächsten Umgebung von Staßfurt bestanden Elektrizitätswerke nur in den Städten Bernburg und Aschersleben.

Um das Jahr 1900 begann dann die Elektrizitätswirtschaft ihren Siegeszug durch Deutschland anzutreten und die Elektrizitätswerke schossen wie Pilze aus dem Boden. Ihre Bedeutung lag zunächst darin, Private mit elektrischem Licht und Kleingewerbetreibende mit elektrischem Strom für ihre Kleinbetriebe zu versorgen. Die Großindustrie arbeitete damals vornehmlich noch mit Gas- und Dampfkraft.

 

Betriebsbahnhof der Kleinbahn in Staßfurt

Im Jahre 1899 fanden zwischen der Continentalen Eisenbahnbau- und Betriebsgesellschaft in Berlin und dem Magistrat der Stadt Staßfurt Verhandlungen statt, zwecks Gründung eines Elektrizitätswerkes und der Herstellung einer elektrischen Bahn in Staßfurt. Diese Verhandlungen fanden im gleichen Jahre noch ihren Abschluss und schon im Jahre 1900 wurden Elektrizitätswerk und Straßenbahn in Betrieb genommen.

a) Straßenbahn

Infolge des Kalibergbaues, der in damaliger Zeit in voller Blüte stand, wurden sowohl in Staßfurt wie auch in Löderburg (Neu-Staßfurt) für die Schächte, chemischen und anderen Fabriken große Arbeitermassen benötigt. Diese konnten von der Stadt Staßfurt nicht gestellt werden und musste deshalb ein Anschluss an die nächsten Gemeinden gesucht werden. Jahrelang kamen Arbeiter von Löderburg, Hecklingen und Leopoldshall zu Fuß oder per Fahrrad nach den Betrieben in Staßfurt und Neu-Staßfurt an ihre Arbeitsstellen. Dass diese Fahrt oder dieser Fußgang nach den Arbeitsstellen, besonders bei schlechtem Wetter, sehr ermüdend und lahmend auf die Arbeitskraft der Arbeiter wirken musste, ist sehr verständlich. Es wurde deshalb immer mehr der Wunsch laut, eine Bahnverbindung zwischen den Orten Löderburg, Staßfurt und Hecklingen herzustellen. Diesem Wunsche wurde dann, wie einleitend erwähnt, durch den Abschluss des Vertrages zwischen der Continentalen Eisenbahnbau- und Betriebsgesellschaft in Berlin und dem Magistrat der Stadt Staßfurt Rechnung getragen.
Im Jahre 1900 wurde der Betrieb der elektrischen Straßenbahn mit 12 Motorwagen und 9 Anhängewagen aufgenommen. Die Verwaltungsgebäude und Unterkunftsraume für die elektrischen Wagen wurden auf dem Gelände des Elektrizitätswerkes am Athenslebener Weg errichtet. Bald entwickelte sich ein reger Verkehr zwischen den genannten Orten besonders deshalb, weil der Fahrpreis mit 10 Pf. besonders niedrig gehalten war. Für die Arbeiter wurden Wochenkarten zu einem Vorzugspreise ausgegeben.
Da aber bei der Bahn der Teilstreckenverkehr infolge der geringen Einwohnerzahl des erschlossenen Gebietes und der geringen Entfernungen im Orte unwesentlich war, musste die Verwaltung der Bahn darauf sehen, die Anlage anderweitig auszunutzen.

In Löderburg liegt eine Braunkohlengrube des Bergfiskus, an der die elektrische Bahn vorbeifährt. Durch Errichtung eines Bunkers wurde auf einem Nebengleis eine Entnahmestelle für Braunkohle für die elektrische Bahn geschaffen, so dass vom Jahre 1909 durch Inbetriebsetzung von elektrischen Lokomotiven und Güterwagen ein Kohlenverkehr, zunächst nach der Chemischen Fabrik Achenbach und ein Jahr später nach der Chemischen Fabrik Buckau, eingerichtet werden konnte. Es wurden damals im Jahr rund 93000 Tonnen Braunkohle verfrachtet. Mit den Jahren wurde die Nachfrage nach Braunkohle und hiermit die Beanspruchung

des Güterverkehrs der elektrischen Straßenbahn immer größer, so dass man sich im Jahre 1911 mit dem Gedanken trug, die Bahn über die Löderburger-Bahn hinaus nach der Atzendorfer Straße, Armenhausplatz, Mühlen-, Townsendstraße und Sömmeritzer Graseweg zu verlängern. Durch diese Verbindung sollte der Berlepsch-Schacht und Ludwig II mit Braunkohle versorgt werden. Dieser Plan gelangte durch den Ausbruch des Krieges nicht mehr zur Ausführung und ist nachher infolge der wirtschaftlichen Depression nach dem Kriege unterblieben.

Im Jahre 1912 ging die elektrische Bahn ebenso wie das Elektrizitätswerk in den Besitz der Deutschen Continental-Gas-Gesellschaft in Dessau über. Die Staßfurter Licht- und Kraftwerke A.-G. wurden gegründet.

Es konnten nun infolge größerer finanzieller Unterstützung die Anlagen weiter verbessert werden.

Mit Ausbruch des Weltkrieges im Jahre 1914 trat auf allen Gebieten der Wirtschaft Kohlenmangel ein. Die Eisenbahn wurde fast ausschließlich für Heeresfrachten benutzt und alle anderen Frachten wurden derart rationiert, dass die Industrie infolge Kohlenmangels teilweise zum Erliegen kam. Durch den Anschluss der wesentlichen Betriebe von Staßfurt durch die elektrische Bahn an die Braunkohlengrube in Löderburg war die Staßfurter Industrie vor einer solchen Katastrophe bewahrt, da eine Beschränkung der Wagengestellung nicht eintreten konnte. Der Kohlentransport steigerte sich auch nach dem Kriege noch, so das heute eine Verfrachtung von ca. 153000 Tonnen im Jahre stattfindet.

Diesem Kohlentransport allein ist es zu verdanken, dass die elektrische Straßenbahn ihren Betrieb aufrecht erhalten konnte, während andere Mittelstädte, wie z. B. Bernburg, wo der Frachtverkehr fehlt, den Betrieb einstellen und zum Teil die Bahn ausbauen mussten. Staßfurt wurde vor diesem Kulturrückschritt bewahrt.
 

b) Elektrizitätswerk

Wie eingangs erwähnt, wurde im Jahre 1899 der Vertrag über die Errichtung des Elektrizitätswerkes zwischen der Continentalen Eisenbahnbau-und Betriebsgesellschaft in Berlin und dem Magistrat der Stadt Staßfurt abgeschlossen. Die Betriebsstätte wurde auf dem Gelände Athenslebener Weg errichtet und zunächst 3 stehende Dampfmaschinen von je 150 PS Leistung und 3 Dynamomaschinen von je 120 KW Leistung eingebaut. Es war also bei der Gründung des Elektrizitätswerkes nur eine Leistung von 360 KW vorhanden.

In dieser Zeit war der Hauptkonkurrent des Elektrizitätswerkes noch das Gaswerk, das Private und Industrien vornehmlich mit Licht und Kraft versorgte. Doch dies sollte bald anders werden, da immer weitere Kreise den Vorzug der Elektrizität erkannten. Immer größer wurde der Kreis der Abnehmer; es mussten deshalb schon im Jahre 1902, da die vorhandenen Maschinen nicht mehr ausreichten und vor allem aber eine Reserve nicht vorhanden war, eine weitere Dampfmaschine von 500 PS und eine neue Dynamo von 400 KW Leistung aufgestellt werden. Jetzt schlossen sich immer mehr kleine Gewerbetreibende dem Elektrizitätswerk an; der Kreis der Lichtabnehmer wurde immer größer. Im Jahre 1908 musste deshalb ein Dieselmotor mit 200 PS Leistung und eine weitere Dynamo von 180 KW als Verstärkung aufgestellt werden.
Das Gleichstromnetz dehnte sich immer mehr aus, so dass die Versorgung mit Strom für Kraft und Licht immer mehr Schwierigkeiten machte. Man sah sich deshalb gezwungen, mit der Firma Bennecke, Hecker & Co. in Verhandlungen zu treten, zwecks Errichtung eines Großkraftwerkes auf der Jakobsgrube. Man glaubte mit Recht, durch die Errichtung des Werkes auf der Braunkohle billigen Strom zu erhalten.

Die Verhandlungen führten 1911 zum Ziele und in Pr.-Börnecke wurde ein Großkraftwerk für Drehstrom von zunächst 800 KW. Leistung errichtet.

In dem Vertrag war vorgesehen, dass die Staßfurter Licht- und Kraftwerke nunmehr ihren gesamten Strom diesem Werk entnahmen, so dass die Anlage in Staßfurt als Reserveanlage diente. Von hier aus wurden auch einige Gemeinden, im Harz und die Stadt Schönebeck mit Elektrizität versorgt, doch war diese Versorgung nur eine vorübergehende.

Immer größer wurde die Abnahme von elektrischer Kraft; auf dem Kraftwerk in Pr.-Börnecke musste deshalb schon im Jahre 1913 eine 2000 KW-Dampfturbine aufgestellt werden.

Im Jahre 1912 war das Elektrizitätswerk von der Continentalen Eisenbahnbau- und Betriebsgesellschaft in Berlin in den Besitz der Deutschen Continental-Gas-Gesellschaft in Dessau übergegangen; hierdurch standen dem Elektrizitätswerk zum Ausbau, besonders des Betriebsnetzes, größere Mittel zur Verfügung. Infolge des Fortschrittes der Technik waren die Überlandzentralen um diese Zeit schon in der Lage, den Strom weit billiger zu liefern, als die einzelnen Fabriken imstande waren, ihn selbst herzustellen und der Kreis der anschließenden Industrien wurde immer größer.

Um allen Anforderungen der Bevölkerung von Staßfurt und Umgebung gerecht zu werden, wurde im Jahre 1911 in der Fürstenstraße ein Stadtgeschäft mit Installations-Abteilung  eingerichtet.

Der Ausbruch des Weltkrieges wirkte fördernd auf die Elektrizitätswirtschaft, da den Gaswerken die Kohlen und den kleinen Privaten das Petroleum zur Beleuchtung ihrer Wohnung fehlte. Auch in der Nachkriegszeit wurde der Stromverbrauch immer größer, so dass schon im Jahre 1920 die vorhandenen Stromquellen nicht mehr genügten. Verhandlungen mit der Firma Bennecke, Hecker & Co. über Erweiterung der Kraftanlage in Pr.-Börnecke scheiterten. Die Staßfurter Licht- und Kraftwerke waren daher gezwungen, mit der neu gegründeten Elektrizitätsgesellschaft Sachsen-Anhalt (Esag) Verhandlungen auf Belieferung mit Strom zu beginnen. Die Verhandlungen wurden derart gefördert, dass schon im Jahre 1922 die Stromlieferung von dort ausgeführt werden konnte. Durch Anschluss an die Esag sind die Staßfurter Licht- und Kraftwerke in der Lage, 6000 KW abzugeben.


                      

Umspannwerk des Elektrizitätswerkes                       Radiobau, Prüfungs- und Vorführungsgebäude


Die Installationsabteilung und das Versandgeschäft erweiterten sich derart, dass die in der Fürstenstraße zur Verfügung stehenden Räume nicht mehr genügten. Es wurde deshalb im Jahre 1921 ein Grundstück im Tränental erworben und nach diesem die Installationsabteilung, Lager und Versandgeschäft verlegt. Das Stadtgeschäft blieb vorläufig noch in der Fürstenstraße.
Mit dem Anschluss an die Esag wurde der Bau eines Großumspannwerkes auf dem Grundstück der Staßfurter Licht- und Kraftwerke erforderlich. Die vorhandenen Dampfmaschinen, Dynamos und auch der Dieselmotor waren wertlos geworden und wurden ausgebaut, so dass die freiwerdenden Räume für andere Industriezweige verfügbar wurden.
Um der Arbeitslosigkeit in Staßfurt zu steuern, errichteten die Staßfurter Licht- und Kraftwerke auf ihrem Grundstück eine Ankerwickelei, die ihren Kundenkreis stetig erweiterte.
Ferner wurde eine Werkstatt zum Bau von Bürstenhaltern eingerichtet und mit dem Radiobau begonnen.
Im Jahre 1928 wurde das Stadtgeschäft von der Fürstenstraße nach der Steinstraße, der Hauptverkehrsstraße der Stadt, verlegt.
In diesem Jahre wurde eine zweite Hochspannungsleitung vom Umspannwerk Förderstedt gebaut, so dass die Stromversorgung der Stadt Staßfurt und ihrer Industrien gewährleistet ist.

c) Radiobau

Durch die Erfahrungen des Weltkrieges und die Berichte über die Verständigung der Heere war in der Bevölkerung großes Interesse für die drahtlose Telegraphie wachgerufen. Heimkehrende Soldaten der technischen Formationen versuchten zu Hause ihre im Felde gemachten Erfahrungen zur Herstellung von Radioapparaten zu verwerten. Dem Zuge der Zeit Rechnung tragend, errichteten nun die Staßfurter Licht- und Kraftwerke auf ihrem Grundstuck ein Laboratorium mit anschließender Versuchswerkstatt für dieses Gebiet.
Zunächst fanden nur einige Personen bei dem Versuchsbau von Detektor-Apparaten, Lampen-Empfängern und Hoch- und Niederfrequenz-Verstärkern Beschäftigung. Diese Apparate wurden an Private im In- und Ausland abgesetzt. Die hergestellten Apparate fanden den Beifall des Publikums, so dass die Versuchswerkstätten wesentlich vergrößert werden mussten.
Der Rundfunk in Deutschland war bis dahin, im Gegensatz zu anderen Ländern, noch nicht in geordneten Bahnen. Erst im Herbst 1923 entstand der Deutsche Rundfunk. Durch eine rege Propaganda und durch stete Vermehrung der Sendestellen erfuhr das Interesse der Bevölkerung an dem Rundfunk eine gewaltige Steigerung.


Vorführungsraum

War bisher die Rundfunkindustrie Deutschlands ohne jeden Zusammenhang, so wurden nun, durch die Gründung eines großen Verbandes, die widerstrebenden Interessen der Rundfunkindustrie, besonders über Patent- und Lizenzfragen, auf eine einheitliche Basis gebracht und ihre Entwicklung in ruhige Bahnen gelenkt. Die Rundfunkindustrie nahm einen ungeahnten Aufschwung, an dem auch die Staßfurter Rundfunkindustrie wesentlich beteiligt war.

Die bis dahin fabrizierten Apparate waren ausschließlich von Batterien gespeist. Um die störende und unbequeme Ladung der Batterien und die sich hiermit ergebende Aussetzung des Betriebes der Apparate zu verhindern, wurden Anfang des Jahres 1929 die Radioapparate für den Netzanschluss eingerichtet.
Die bis jetzt vorhandenen Apparate waren fast ausschließlich nur für den Hausgebrauch geeignet. Allmählich wurde die Forderung laut,

                                   

Makrophon II                                                                            Heim-Makrophon

 


Apparate , zu schaffen, die in größeren Räumen und Sälen für die Allgemeinheit Verwendung finden konnten. Die Staßfurter Licht- und Kraftwerke brachten als erste Firma, diesem Verlangen Rechnung tragend, ihre Makrophone heraus.
Für die Herstellung und den Vertrieb der Makrophone wurde eine besondere Abteilung gegründet, die sich infolge der großen Nachfrage bei guter Qualität stetig vergrößerte. Diese Apparate fanden besonders als Schallplatten-Verstärker in vielen großen Lokalen, Sälen, Kinos und Kurorten zur Kurmusik Verwendung.
Infolge der Häufung der Sender in Deutschland und Vergrößerung ihrer Sendeenergie wurde die Nachfrage nach hochselektiven Apparaten immer größer und wurde ein neuer Apparatetyp:
Mikrohet-W geschaffen, der auch den weitgehendsten Anforderungen gerecht wird.

Schon in dieser Zeit wurden täglich neben kleineren Apparaten über hundert 4-Röhren-Apparate hergestellt. Die Nachfrage wurde immer größer, so dass die Werkstätten und auch die Verwaltung wesentlich vergrößert werden mussten.
Durch Einrichtung von Vertretungen im In-und Auslande wurde der Vertrieb der Apparate geregelt und immer mehr gesteigert, so dass bis zum Jahre 1927 über 25 000 Apparate zum Versand kamen. Neben dem Verkauf kompletter Apparate wurden gewaltige Mengen von Einzelteilen, speziell Drehkondensatoren, umgesetzt.
Im Jahre 1928 waren die vorhandenen Werkstätten und Laboratorium zu klein und mussten wesentlich erweitert werden. Die Wohnung des Direktors wurde zur Werkstatt eingerichtet und ein Neubau für Versuchs- und Vorführungszwecke, sowie ein Wohnhaus für den Direktor errichtet.



Quelle:            STASSFURT; LEOPOLDSHALL; HECKLINGEN

                                               „Das Archiv“ von1930

 

Eigentümer:    Karl Wittwer